Die Geschichte der italienischen „Gastarbeiter“ in der Bundesrepublik begann im Jahr 1955, heute vor 65 Jahren. Vertreter beider Staaten schlossen am 20. Dezember 1955 die „Vereinbarung über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften nach der Bundesrepublik Deutschland“. Ein “Anwerbeabkommen” zwischen der Bundesrepublik und Italien war geboren, das erste von mehreren Abkommen dieser Art mit unterschiedlichen Ländern wie z.B. Tunesien, Spanien, Griechenland und der Türkei.

Zielsetzung und Vorstellungen

Das Abkommen sollte die starke Arbeitslosigkeit im Süden Italiens lindern. Zusätzlich wollte man dem Mangel an Arbeitskräften in Westdeutschland begegnen. Dazu unterzeichneten der deutsche Arbeitsminister Anton Storch und der italienische Außenminister Gaetano Martino eine Vereinbarung.

Die Arbeitskräfte sollten nach einem Rotationsverfahren nach ein bis zwei Jahren ausgewechselt werden. Neben der Landwirtschaft stand die Industrie im Fokus. Hier waren die ledigen jungen, meist männlichen Italiener gefragt. Ein ‚Hierbleiben‘ sah die deutsch-italienische Vereinbarung nicht vor.

Die Rolle der Volkswagen AG

Eines der Zentren der italienischen Einwanderung wurde die Stadt Wolfsburg mit dem Hauptwerk des Autoherstellers Volkswagen AG. Allerdings kamen die Italiener nicht sofort nach dem Abschluss des Anwerbeabkommens in die Stadt, sondern erst ab 1962. Das lag daran, dass der Wolfsburger Automobilhersteller bis zum Bau der Berliner Mauer im August 1961 seinen wachsenden Bedarf an Arbeitskräften durch geflohene DDR-Bürger decken konnte. Einen Monat nach dem Mauerbau fiel bei VW die Entscheidung, italienische “Gastarbeiter” anzuwerben. Im Januar 1962 trafen die ersten 200 „Gastarbeiter“ am Wolfsburger Hauptbahnhof ein. Knapp 5.000 folgten allein im ersten Jahr.

Eine bessere Zukunft?

„Sie können jedes Jahr eine halbe Million auf die Seite legen.“ So warb die italienische Verbraucherzeitschrift Quattrosoldi im Auftrag des Volkswagenkonzerns im Mai 1962. Die Aussicht auf das “schnelle Geld” motivierte viele “Gastarbeiter”. Mitbringen müsse man nicht viel, hieß es. Lediglich ein Koffer und die Lust auf Arbeit sei notwendig.

Die Kampagne zeigte Erfolge. Die Wolfsburger Nachrichten berichteten im Frühjahr 1962:

„Es arbeiten nun rund 500 italienische Arbeitskräfte im Volkswagenwerk. Sie wohnen in den Unterkünften an der Berliner Brücke. Dort sind fünf zweigeschossige Holzhäuser bereits fertiggestellt, fünf weitere sind im Bau nahezu fertig“

„Italiener bei Jungsozialisten“, in: Wolfsburger Nachrichten vom 13. Januar 1964.

Vorläufige Planungen

Es mussten Unterkünfte für die italienischen „Gastarbeiter“ geschaffen werden. Man ging dabei von kurzzeitigen Aufenthalten der Italiener aus. Anfangs wohnten vier Personen gemeinsam auf kleinstem Raum. Später verringerte man die Zahl auf drei Bewohner.

Das „größte italienische Dorf nördlich des Brenners“ stand sinnbildlich für die Gastarbeiterpolitik der Volkswagenwerk AG. Schon früh war man sich mit der Stadtverwaltung über die Zukunft der Siedlung in den Allerwiesen einig. Die Holzhäuser sollten später durch eine Neubausiedlung ersetzt werden. 

Die Bauarbeiten

Der Automobilkonzern stellte im Oktober des Jahres 1961 einen Antrag auf Baugenehmigung für die Unterkünfte an die Stadtverwaltung. Bereits im Sommer 1962 war der Bau so weit vorangeschritten, dass erste Häuser bewohnbar waren.

Es bestanden Vorbehalte des niedersächsischen Vizeregierungspräsidenten Kästner sowie des Polizeidirektors Sehrt. Sie fürchteten eine Anhäufung lediger Arbeiter. Diese Sorgen fanden bei Stadt und Werk allerdings wenig Gehör. Die lokale Presse berichtete positiv: 

„Inzwischen sind die Arbeiten im Italienerdorf an der Berliner Brücke fortgeschritten. […] Viele Bäume sind außerdem gepflanzt worden, die das ‚Dorf-Bild‘ auflockern. […] Für gemeinsame Veranstaltungen sind die Säle unbedingt notwendig, ganz gleich, ob es sich um Vorträge, Filmabende oder bunte Veranstaltungen handelt. […] In einem anderen Gemeinschaftshaus wird ein Krankenrevier eingerichtet das vom Lagerarzt Dr. Cervelti betreut wird.“

„Italiener kehren fast vollzählig zurück“, in: Wolfsburger Nachrichten vom 30. Juli 1962.

Lager oder Siedlung? Eine Debatte mit Beigeschmack

Das von der lokalen Presse gemalte Bild scheint idyllisch. Dennoch fallen Begriffe wie „Lagerarzt“ oder das oft in den Verwaltungsakten genannte „Barackenlager“ negativ auf.

In Wolfsburg wurde Ludwig Vollmann als Leiter des “Italienerdorfes” eingesetzt. Seine angepriesene Expertise hatte er jedoch in der NS-Zeit erlangt. Er war “Lagerführer” im sogenannten Gemeinschaftslager der „Stadt des KdF-Wagens“.

Zwar sagte Vollmann der Welt, man wolle „den Ausdruck ‚Lager‘ vermeiden“. Gleichzeitig sprach er aber von den „Capos“, die die Verantwortung auf den Fluren der Häuser trügen. Hier gab es eindeutig eine begriffsgeschichtliche Nähe zu den KZ-Funktionshäftlingen.

Zunehmende Proteste

Die Situation der Gastarbeiter und ihrer Unterkünfte war in der Bundesrepublik überall ähnlich. Auch an anderen Orten wurden die Menschen von der übrigen Stadt separiert. Dennoch veränderte sich die Stimmung in den Volkswagen-Unterkünften.

Die bewusste Isolierung der italienischen „Gastarbeiter“ trug zu einer Unruhe im „Italienerdorf“ bei. Diese löste letztlich einen überregional rezipierten „wilden Streik“ aus. Während der ersten kühlen Tage im November des Jahres 1962 kippte die Stimmung. Es herrschte Unzufriedenheit unter den Bewohnern der Holzhäusersiedlung in den Allerwiesen. 

Ein Streik

Auslöser für die Proteste war wohl eine mangelhafte medizinische Versorgung. Ein Gastarbeiter verstarb im städtischen Krankenhaus an den Folgen einer Hirnblutung. Der Krankenwagen für einen weiteren kranken Italiener ließ 40 Minuten auf sich warten. Die Lage vor Ort eskalierte.

„Innerhalb kürzester Zeit rotteten sich größere Gruppen von Arbeitern vor ihren Unterkünften zusammen und liefen auf den Berliner Ring, wobei es zu beträchtlichen Verkehrsbehinderungen kam.“

Wolfsburger Nachrichten am 6. November 1962.

Die italienischen „Gastarbeiter“ hatten ihrem Ärger Luft gemacht. Sie riegelten die Ausgänge des Geländes ab und legten einen Tag lang die Arbeit nieder. Wahrscheinlich hatte erst das Eintreffen des italienischen Generalkonsuls Gastone Guidotti zu einer Entschärfung geführt.

Die Volkswagen AG wies die Schuld von sich

Man „dürfe […] die Ereignisse nicht überbewerten“ hieß es von der Leitung der Volkswagen AG in den lokalen Medien. Hart ging die Betriebsleitung allerdings mit ihren Mitarbeitern ins Gericht: 70 Entlassungen waren die Folge der “Ereignisse” vom 5. November 1962.

Verändern wollte man nichts. Der leitende Konzernbetriebsarzt Dr. med. Fahrner beteuerte, das Werkssanitätswesen müsse nicht verbessert werden. Dieses sei ohnehin eine zusätzliche Leistung der Werksleitung.

Ende der Abschottung

Bis zum Abbau des Dorfes 1977 gab es keine weiteren Ausschreitungen dieser Art. Einzelne Gewalttaten auf dem Gelände blieben die Ausnahme. Dennoch setzte Ende der 70er Jahre ein politisches Umdenken ein. Dies führte schließlich zum Ende der Siedlung.

Die Stadt bemühte sich, einen Integrationsprozess einläuten. Verschiedene Projekte entstanden. Die einst abgeschnittenen „Gastarbeiter“ wurden zum Bestandteil der Wolfsburger Stadtgemeinschaft.

Ausblick

Mit dem ölkrisenbedingten Anwerbestopp im Jahr 1973 endete diese Form der Arbeitsmigration. Doch der Weg zu einer Gemeinschaft blieb steinig. Das Beispiel der Siedlung in Wolfsburg bietet Einblicke in die Probleme, die es teilweise bis heute aufzuarbeiten gilt.

Erstens führt es zu Konflikten, Kulturen in einer Gesellschaft von einander separieren. Ein Austausch ist entscheidend für das Zusammenleben.

Zweitens sind Menschen nie ausschließlich “Arbeitskräfte”. Die Menschlichkeit der italienischen Arbeiter zu ignorieren, befeuerte auch die Ausschreitungen in Wolfsburg. Erst mit dem Ende der Abschottung konnten die Kulturen einander begegnen und zu einer Gemeinschaft wachsen.

Weitere Informationen zur Geschichte der italienischen “Gastarbeiter” in Wolfsburg hält das Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation der Stadt Wolfsburg in einem Newsroom bereit. Wir danken dem Institut für die Beratung und freundliche Unterstützung bei unserem Beitrag.

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Über den Autor

Michèle W.

Michèle ist Studentin der Geschichtswissenschaften M.A. an der Humboldt-Universität Berlin und arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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