„Gedenkt der Opfer des Osmanischen Genozids“ lautet die zentrale Inschrift der Ökumenischen Gedenkstätte für Genozidopfer im Osmanischen Reich. Sie wurde 2015 auf dem Luisenkirchhof III in Berlin-Charlottenburg eingeweiht und erinnert an den Genozid im Osmanischen Reich zwischen 1912 und 1922. Den größten Opfergruppen sind drei Altäre der Erinnerung gewidmet: Armeniern, Griechen Kleinasiens, des Pontos und Ostthrakiens sowie Aramäern, Assyrern und Chaldäern. Auch über hundert Jahre nach den Ereignissen ist die Erinnerung an den Völkermord umkämpft, da dieser in der Türkei – dem Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches – von offizieller Seite geleugnet wird. Ein Riss in der zentralen Tafel des Denkmals macht auf diese offene Wunde aufmerksam, die eine umfassende Aufarbeitung verhindert. 

Gedenktage

Am 24. April wird in Armenien und in der armenischen Diaspora des Genozids gedacht. An diesem Tag 1915 begann die staatlich geplante, massenhafte Festnahme der armenischen Elite in Konstantinopel (heute Istanbul). Politische Aktivisten wurden in die Provinz Ankara und Intellektuelle in die Provinz Kastamonu deportiert, interniert und anschließend ermordet. Insgesamt kamen Schätzungen zufolge bis zu 1,5 Millionen Menschen zu Tode. Der 24. April ist seit 1921 ein kirchlicher Trauertag der armenischen Diaspora und seit 1988 in Armenien ein staatlicher Trauer- und Gedenktag. 

Die syrisch-orthodoxe und die syrisch-katholische Kirche erklärten den 15. Juni 2015 zum Gedenktag an die Vernichtung der aramäischen Christen. 1915 fand an diesem Tag ein Massaker an der aramäischen Gemeinde in Nusaybin statt. Diese war für syrische Christen eine theologische Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturstätte. Insgesamt markierten die Monate Juni und Juli 1915 den tragischen Höhepunkt der Vernichtung aramäischer Christen im Südosten der heutigen Türkei. 

Der 14. September ist seit 1998 der nationale Gedenktag an die griechischen Opfer im Osmanischen Reich. Dieser Tag erinnert an ein Massaker von 1922 im christlichen Viertel der Hafenstadt Smyrna (heute Izmir), das kemalistische Streitkräfte in Brand setzten. Bis zu 120.000 Griechen und Armenier starben durch das Feuer oder ertranken bei dem Versuch zu flüchten.

Die Informationstafel zur Gedenkstätte für Genozidopfer im Osmanischen Reich auf dem Luisenkirchhof III

Umkämpfte Erinnerung

Bis zur Errichtung der Gedenkstätte in Berlin Charlottenburg war es ein langer Weg. Das lag hauptsächlich an der Sorge des Bezirks, dass ein Denkmal im öffentlichen Raum geschändet werden könnte. Auch in Köln hatte es in den letzten Jahren Auseinandersetzungen um die Aufstellung eines Mahnmals zum Genozid an den Armeniern gegeben. Dort war am 15. April 2018 ein Denkmal enthüllt worden, das die Stadt Köln nur wenige Tage später wieder entfernte. Als Begründung wurde angegeben, dass am offiziellen Gedenktag mit Gegendemonstrationen zu rechnen sei. Durch die Unterstützung der Zivilgesellschaft, der Bezirksvertretung und des Rates der Stadt Köln steht das Denkmal inzwischen seit einem Jahr, nachdem es zuvor mehrfach wieder abgebaut worden war. 

Die Resolution des Deutschen Bundestages

Auf Widerstand stieß auch die Resolution des Deutschen Bundestages, die den Genozid an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten 2016 erstmals als Völkermord einstufte. Bereits im Vorfeld hatte es massive Proteste der türkischen Community in Deutschland und der türkischen Regierung gegeben. Insbesondere deutsch-türkische Bundestagsabgeordnete wurden bedroht und unter Druck gesetzt. Der späte Zeitpunkt der Abstimmung war auch auf die schwierigen Verhandlungen der EU mit der Türkei über ein Flüchtlingsabkommen zurückzuführen.

Die deutsche Verantwortung 

Die Anerkennung des Völkermords durch den deutschen Bundestag hat vor dem Hintergrund der Rolle des damaligen Deutschen Reiches eine besondere Bedeutung. Als militärischer Hauptverbündeter des Osmanischen Reiches waren Vertreter des Deutschen Reiches umfänglich über die Verbrechen informiert. Trotz eindeutiger Informationen unterließen sie politische Interventionen, da sie ihre diplomatischen Beziehungen nicht gefährden wollten.

Gedenkveranstaltungen im April 2024 in Berlin

Im Berliner Maxim Gorki Theater findet rund um den 24. April eine Veranstaltungsreihe zum Gedenken an den Völkermord an den Armeniern statt. Diese umfasst unter anderem Filminstallationen, Choreografien, Lesungen und Gespräche. 

Titelbild: Die Ökumenische Gedenkstätte für Genozidopfer im Osmanischen Reich auf dem Luisenkirchhof III in Berlin-Charlottenburg
Fotos: Annalena Piper

Über den Autor

Annalena Piper

studiert Interdisziplinäre Antisemitismusforschung am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.

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