Wenn wir Menschen unsere Heimat verlassen, um uns an einem anderen Ort niederzulassen, reisen wir nie ohne Gepäck. Die Orte, in denen wir aufwachsen, die Personen, die uns geprägt haben, begleiten uns: Oft in Form von Gegenständen und den damit verbundenen Erinnerungen. In diesen Beiträgen erzählen Menschen über die Gegenstände, die sie mit ihrer Heimat verbinden. Heute berichtet Zoya B. von ihrem “Mitbringsel” aus Armenien.

Zuwanderungsgeschichten

Kaum eine andere Stadt in Deutschland ist so durch das Thema Migration geprägt wie Wolfsburg. Den Gegenständen, die die Zuwanderungsgeschichten hinterlassen haben, widmete sich das “Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation” in Wolfsburg.

Die Autoren Alexander Kraus und Aleksandar Nedelkovski veröffentlichten die entstandenen Interviews in ihrem Sammelband: Mitgebracht. Eine Zuwanderungsgeschichte Wolfsburgs.

Ein Taschentuch aus Armenien – Zoya B. erinnert sich

Zoya B. verbrachte ihre Kindheit in Armenien. Foto: Ansgar Wilkendorf

Dieses Taschentuch begleitet mich bereits seit 28 Jahren. Unser gemeinsamer Weg begann in Armenien, wo ich als kurdische Jesidin geboren und aufgewachsen bin, verlief dann über Georgien und Russland bis hin nach Deutschland, wo ich mittlerweile lebe.

Als ich damals Moskau verließ, befanden sich nur wenige Kleidungsstücke in meinem Koffer, keinerlei Schmuck oder Wertgegenstände; mein Tuch aber hatte einen festen Platz darin.

“Ich habe meine Mutter stets bei mir!”

Nach dem Tod meiner Mutter – ich war gerade neunzehn Jahre alt – erbte ich als jüngste von drei Schwestern dieses Taschentuch. Hatte es zuvor auch keinen besonderen Wert, so wurde es nach ihrem Tod zu einem Gegenstand für mich, der mir lieb und teuer ist.

Dabei vermag ich gar nicht zu sagen, ob meine Mutter es oft verwendet hat, es für sie eine Bedeutung hatte. Betrachte ich das so mit Erinnerungen aufgeladene Taschentuch, denke ich an meine Mutter, an ihre außerordentliche Menschlichkeit. Ich hing sehr an ihr. Als Hausfrau kümmerte sie sich tagtäglich um den Haushalt sowie um uns neun Geschwister, während mein Vater als Direktor einer Schule arbeitete.

Dieses Tuch habe ich jederzeit in meiner Tasche, es begleitet mich überall hin – egal, wo ich auch bin. Auf diese Weise habe ich meine Mutter stets bei mir. Die Gefahr, es einmal verlieren zu können, habe ich dabei gar nicht so konkret vor Augen.

Solange ich lebe, möchte ich das Tuch meiner Mutter mit und bei mir tragen. Wenn mein Lebensweg einmal zu Ende gehen wird, so wünsche ich mir, dass meine Kinder mich gemeinsam mit diesem Taschentuch beerdigen.

Die Verfasser

Der vorliegende Geschichte zum Land Armenien entstammt dem Band: Alexander Kraus, Aleksandar Nedelkovski (Hg.), Mitgebracht, Eine Zuwanderungsgeschichte Wolfsburgs. ecrivir Verlag, Hannover 2020. Er wurde in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation” der Stadt Wolfsburg an dieser Stelle veröffentlicht.

Die Interviews wurden durch Aleksandar Nedelkovski geführt, die Texte wurden von Alexander Krausverfasst. Das Foto des Taschentuchs nahm der Fotograf Ansgar Wilkendorf auf.

Über den Autor

Michèle W.

Michèle ist Studentin der Geschichtswissenschaften M.A. an der Humboldt-Universität Berlin und arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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