Nach dem Sieg der kommunistischen Viet Cong 1975 flohen mehr als eine Million Menschen aus Vietnam über das südostasiatische Meer. In kleinen Booten und auf maroden Schiffen warteten die sogenannten „Boat People“ auf eine rettende Bergung. Bilder dieser humanitären Katastrophe lösten eine breite zivilgesellschaftliche Solidarisierungswelle in Deutschland aus. Daraufhin landeten im Dezember 1978 die ersten “Boat People” in Westdeutschland. Bis Mitte der 1980er Jahre erreichten etwa 38.000 Flüchtende aus Vietnam die BRD. Ihre schnelle und unbürokratische Aufnahme gilt bis heute als herausragendes Beispiel für eine gelungene Integration in Deutschland.

Hintergründe zur Flucht

Acht Jahre lang hatten US-amerikanische Einsatzgruppen an der Seite Süd-Vietnams gegen die nordvietnamesische Guerilla-Gruppe Viet Cong gekämpft. Mit der Besetzung Saigons im April 1975 siegte das kommunistische Regime aus Nordvietnam. Das Land wurde erstmals seit seiner Trennung in einen Nord- und Südstaat 1954 unter sozialistischen Vorzeichen wiedervereinigt. Daraufhin flüchteten tausende Südvietnames:innen vor der einsetzenden politischen Verfolgung, der Verschleppung in Umerziehungslager sowie der wirtschaftlichen Not.

Mit den abziehenden US-amerikanischen Soldaten gelang 1975 bereits 130.000 Südvietnames:innen die Flucht. Auch Frankreich erklärte sich bereit, eine große Anzahl vietnamesischer Geflüchteter aufzunehmen. Das erste Ziel der fliehenden Vietnames:innen waren jedoch ihre Nachbarstaaten.

Warum “Boat People”?

Ab 1978 setze sich ein zweiter Strom an Flüchtenden aus Südvietnam in Bewegung. Aufgrund versperrter Landwege versuchten sie auf dem Wasserweg zu fliehen. An den Küsten der Nachbarstaaten wie Malaysia wurden sie jedoch größtenteils abgewiesen. Wochenlang trieben die bald als “Boat People” bekannten Flüchtenden in kleinen Kähnen und überladenen Frachtern durch das südostasiatische Meer.

Drastische Bilder und starke Gesten

Die Bilder der ausgehungerten und durstenden Menschen, bedroht von schlechter Witterung und Piraten, gingen um die Welt. In Westdeutschland berichteten Fernsehprogramme neben bekannten Magazinen wie dem Spiegel von der katastrophalen humanitären Lage auf den Booten. Daraufhin kritisierten mehrere Stimmen diese Zurschaustellung des Elends. Andererseits beförderten die Darstellungen die rasche Solidarisierung vieler westdeutscher Bürger:innen mit den Geflüchteten. Im Anschluss drängten einzelne Personen und Vereine zu einer Aufnahme der “Boat People” in die BRD. Auch aus den USA wuchs der Druck auf die westdeutsche Regierung.

Aus den Reihen der Politik machte schließlich Ernst Albrecht, der niedersächsische Ministerpräsident, einen ersten Schritt zur Aufnahme der Geflüchteten. Auf seine Veranlassung wurden 163 “Boat People” Anfang Dezember 1978 in die BRD eingeflogen. Durch diese Maßnahme und ihre große mediale Inszenierung stellte er die deutsche Flüchtlingspolitik vor vollendete Tatsachen. Gleichzeitig profitierte der CDU-Politiker politisch von seiner populären humanitären Geste.

Zivilgesellschaftliches Engagement

Auf diese erste politische Aktion folgten weitere karitative und zivilgesellschaftliche Initiativen aus Deutschland. Eine der bekanntesten Einsätze waren die Fahrten der Cap Anamur. Mit diesem Schiff, sowie auf ihren beiden Folgemodellen Cap Anamur II und III, konnten zwischen 1979 und 1986 mit Spendengeldern über 11.000 “Boat People” aus dem südasiatischen Meer gerettet werden. Hinter den Rettungsaktionen stand der Verein „Ein Schiff für Vietnam“. 1978 hatte ihn der Journalist Rupert Neudeck, gemeinsam mit seiner Frau Christel, den Schriftstellern Heinrich Böll und Martin Walser sowie dem Politiker Norbert Blüm in Köln gegründet.

Trotz der gewachsenen Aufnahmebereitschaft von vietnamesischen “Boat People” in politischen Kreisen, kam es mehrmals zu Auseinandersetzungen zwischen dem Verein und der politischen Führung. Grund dafür war die mangelnde Absprache der Cap Anamur über die Zahl der aufgenommenen Flüchtenden. Grundsätzlich legten bestimmte Quoten fest, wie viele Menschen aufgenommen werden sollten und nach welchen Prioritäten sie ausgewählt wurden. Diese genauen Regelungen mussten parallel zu den laufenden Rettungsaktionen jedoch erst noch erarbeitet werden.

Juristische Fragen

Zunächst konnte die deutsche Politik nicht auf altbewährte Gesetze zur Aufnahme von Flüchtenden, wie der Genfer Flüchtlingskonvention, zurückgreifen. Erst nach der Aufnahme zahlreicher “Boat People” wurde 1980 das “Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge” geschaffen. Mit ihrem darin festgelegten Status als “Kontigentflüchtlinge” erhielten die vietnamesischen Geflüchteten innerhalb kurzer Zeit eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Dadurch konnten sie ein langwieriges Asylverfahren umgehen.

Dahinter stand die dauerhafte Niederlassung der “Boat People” als gemeinsames Ziel der angekommenen Vietnames:innen, sowie der deutschen Behörden und der Zivilbevölkerung.

Solidarität mit den “Boat People”… und anderen Geflüchteten?

Auf die unbürokratische Registrierung der vietnamesischen Geflüchteten folgte eine schnelle, dezentrale Unterbringung auf Kosten des Staates. Gleichzeitig entstanden mehrere Anlaufstellen, die ihnen Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche sowie Deutschunterricht anboten. Getragen wurden diese Initiativen weiterhin durch zahlreiche Spenden und ein starkes Engagement der Zivilbevölkerung. Die Umstände, unter welchen die “Boat People” geflüchtet waren, spielten dabei eine entscheidende Rolle. Als Verfolgte des kommunistischen Regimes in Vietnam galten sie in den westlichen Staaten praktisch als Verbündete. Zudem kursierte in Deutschland das überaus positive Bild von den vietnamesischen Geflüchteten als eine weitestgehend unpolitische und besonders leistungsbereite Bevölkerungsgruppe.

Neben der mehrheitlich zustimmenden Haltung für die politische Unterstützung der “Boat People”, meldeten sich innerhalb der deutschen Zivilbevölkerung aber auch wenige kritische Stimmen und Proteste. So verübten rechtsextreme Täter im August 1980 einen Brandanschlag auf ein Heim für die vietnamesischen Geflüchteten. Daneben äußerten sich auch linke Aktivist:innen kritisch gegen ihre ungleiche Behandlung gemessen an anderen Asylsuchenden. Dementsprechend forderten sie eine allgemein offenere Flüchtlingspolitik.

Ein Vorzeigemodell der Integration?

Mitte der 2010er lebten in Deutschland über 150.000 Menschen vietnamesischer Abstammung. Neben den ehemaligen “Boat People” und ihren Nachkommen zählen dazu unter anderem auch die Familien der ehemaligen, vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen in der DDR. Im Vergleich zu der Aufnahme und Unterstützung der “Boat People” sehen sich viele Menschen mit vietnamesischem Hintergrund bis heute vor höhere Hürden bei ihrer Integration gestellt. Insgesamt jedoch gilt der durchschnittliche Bildungsstand der Bevölkerung mit vietnamesischem Hintergrund als überdurchschnittlich hoch. Darüber hinaus existieren bis heute verschiedene, vietnamesische Projekte und Institutionen, wie die Vietnam Community Stuttgart, die sich um die deutsch-vietnamesische Verständigung bemühen.

Sicherlich ist die insgesamt erfolgreiche Integration der vietnamesischen “Boat People” nicht zuletzt eng mit dem spezifischen Kontext des Kalten Krieges und mit der polarisierenden Medienberichterstattung verknüpft. Klar ist auch, dass Integration ein vielschichtiger Prozess ist, der sich nicht an einem einzelnen Faktor wie dem durchschnittlichen Bildungsstand messen lässt. Dabei sind von beiden Seiten – der neuen Community wie der Mehrheitsgesellschaft – Toleranz, eine große Ausdauer und Solidarität notwendig. Ohne diese wäre auch die unbürokratische und schnelle Aufnahme der “Boat People” nicht möglich gewesen. Als Vorbild für eine gelungene Integration von Geflüchteten kann die Rettung der vietnamesischen “Boat People” demnach bis heute gelten.

Titelbild: Vietnamesische Geflüchtete auf dem deutschen Rettungsschiff Cap Anamur II im Sommer 1986, Foto: Nancy Wong, gemeinfrei. 

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Über den Autor

Ines S.

Ines studiert Public History an der Freien Universität Berlin und arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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