Bunt und vielfältig zeigt sich die neue Ausstellung „Echos der Bruderländer“, welche noch bis zum 20.05.2024 im Haus der Kulturen der Welt zu sehen ist. Eine Beschreibung, die ich zumindest im ersten Moment eher nicht mit der DDR assoziieren würden. Doch darum geht es auch. Das Projekt zeigt eine Seite der DDR, die nach Aussage des Kurators nach der Wende in Vergessenheit geraten ist.

Solidarität und ihre Widersprüche

Die Ausstellung „Echos der Bruderländer“ beschäftigt sich mit den Geschichten der Menschen, die zu hunderttausend zwischen 1949 und 1990 aus Ländern wie Algerien, Angola, Chile, Guinea-Bissau, Kuba, Mosambik, Syrien und Vietnam in die DDR migrierten. Das Projekt untersucht die politischen, wirtschaftlichen und auch künstlerischen Verknüpfungen, die durch diese Migrationsbewegung zwischen der DDR und den sogenannten Bruderländern entstanden sind.

Obwohl auch die bekannte Solidarität zwischen der DDR und den Bruderländern auf verschiedenen Ebenen beleuchtet wird, thematisiert die Ausstellung vor allem die Geschichten von „Vertragsarbeitern“ und Migrierten, die trotz der von der DDR propagierten Solidarität Rassismus, Ausbeutung, beengte Wohnverhältnisse, Überwachung und die Einschränkung ihrer Rechte erlebten.

Demonstration „Gegen den Polizeiterror“ in Berlin-Marzahn am 07.08.93. Foto: Jose Giribas

Das Projekt schafft Raum für Erinnerung, Dialog und Reflexion über diese Solidaritäten, aber auch über deren Widersprüche. Es fragt nach den Auswirkungen dieser Geschichte auf die beteiligten Länder und Menschen und hinterfragt somit den Begriff des “Bruderlandes“.

Sozialistische Bruderländer

Als sozialistische Bruderländer oder Bruderstaaten bezeichnete man in der DDR befreundete sozialistische Länder. Vor allem die Staaten, die ebenfalls den Warschauer Vertrag unterzeichnet hatten, waren mit dieser Bezeichnung gemeint. Mitglieder des Militärbündnisses waren neben der DDR die Sowjetunion, Bulgarien, die ČSSR, Polen, Rumänien, Ungarn und Albanien. Als Mitglieder des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) galten auch Länder wie Vietnam, Mosambik oder Kuba als Bruderländer der DDR.

Der Begriff des Bruderlandes enthält laut Prof. Dr. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, dem Kurator der Ausstellung „vergeschlechtlichte und egalitäre Implikationen und Illusionen“ und muss deshalb kritisch betrachtet werden.

Vergessenen Geschichten einen Raum geben

Konzipiert ist „Echos der Bruderländer“ als Kunstausstellung sowie als historische Aufarbeitung. Laut dem kuratorischen Statement sollen die verschwundenen Spuren der Eingewanderten in der DDR wieder sichtbar gemacht werden. Dazu gehört, den Geschichten von Personen, die nach der Wende vergessen wurden, einen Raum zu geben und zu hören, wie ihre Geschichte sie heute noch beschäftigt und Einfluss auf die folgende Generation ausübt. Diese Ziele wurden mithilfe intensiver Recherche im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts und durch zahlreiche Workshops und Interviews mit Zeitzeug*innen und Betroffenen realisiert. Als multidisziplinäres Projekt erzählt „Echos der Bruderländer“ die Beziehungsgeschichte zwischen der DDR und den Bruderländern. Die Ausstellung versucht den öffentlichen Diskurs, welcher von Amnesie, Wissenslücken und Leerstellen geprägt ist, aufzuarbeiten.

Das Ganze wird zudem in eine Globalgeschichte kultureller Bewegungsprozesse eingeordnet. Nach eigener Aussage wird der Anteil der DDR an der gesamtdeutschen Migrationsgeschichte häufig ausgeblendet. Es reicht jedoch nicht, wenn man die historischen und gegenwärtigen globalen Beziehungen Deutschlands nachvollziehen will, sich nur auf Westdeutschland zu beziehen. Um beispielsweise den Anstieg rechtsextremer Tendenzen und Rassismus in den neuen Bundesländern sowie den strukturellen Rassismus in Gesamtdeutschland zu begreifen, bedarf es einer gründlichen Auseinandersetzung mit der Migrationsgeschichte der DDR und deren Einfluss auf die heutige Gesellschaft. Diese Auseinandersetzung setzt sich „Echos der Bruderländer“ als Ziel.

César Olhagaray, Solidarität (1986/2024), Foto: Hannes Wiedemann/HKW

Vermittlungsangebote und Begleitprogramm (Auswahl)

Beleuchtet wurden die inhaltlichen Schwerpunkte des Projekts durch künstlerische Forschungen, welche sich unter anderem in der Ausstellung sowie in Begleitpublikationen, Performances, Workshops, einem Bildungsprogramm und einem Podcast niederschlagen. Zudem ergänzt ein Filmprogramm die Themen der Ausstellung und beleuchten diese aus unterschiedlichen Perspektiven heraus. Die Workshops und Forschungsarbeiten, welche in Kooperation mit Partnerinstitutionen und Akteur*innen in Ghana, Algerien, Angola, Kuba, Chile und Vietnam entstanden sind, fördern die lokale und internationale Forschungslandschaft sowie den Dialog in und mit den beteiligten Ländern.

Das umfangreiche pädagogische Programm richtet sich an alle Altersgruppen.

Echos der Bruderländer – Handbuch (Publikation)

Begleitet wird „Echos der Bruderländer“ durch ein Handbuch. Dieses soll den historischen Austausch zwischen der DDR und den sogenannten ‚Bruderländern‘ aufarbeiten. Die Publikation trägt den gleichen Titel wie die Ausstellung: „Echos der Bruderländer. Was ist der Preis der Erinnerung und wie hoch sind die Kosten der Amnesie? Oder: Visionen und Illusionen antiimperialistischer Solidarität“. Die Beiträge der Akteur*innen des Projekts hinterfragen hier gängige Diskurse über die DDR und ihre Beziehungen zu anderen sozialistischen Ländern. Sie plädieren für eine differenzierte Betrachtung dieser Solidaritätsbeziehungen.

Da die Ausstellung auf Raum- und Objekttexte verzichtet, ist das Handbuch essenziell, um die Ausstellungsinhalte zu erfassen. Auch Übersichtspläne der Ausstellungsräume stehen hier zur Verfügung und die Ausstellungsstücke der jeweiligen Räume sind aufgeführt und durch Texte aufgearbeitet.

BRUCHSTELLEN – Fragmente: Auf der Suche nach dem Vergessenen (Performance)

Senior*innen des Performance-Ensembles Spielunikate und Zeitzeug*innen aus den ehemaligen Bruderländern sowie das Künstler*innenkollektiv sideviews haben sich unter anderem mit den folgenden Fragen beschäftigt. „Welche Berührungspunkte hatten DDR-Bürger*innen mit Vertragsarbeitern?“. „Welche Erfahrungen, Erlebnisse und Erinnerungen von damals sind geblieben?“. „Was waren die verbindenden und was die trennenden Momente?“ und „Was lässt sich aus der damaligen Zeit lernen, und was sollte besser verlernt werden?“. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist ein spielerisches, interaktives Performance-Format, welches Raum für persönliche Gespräche bietet.

CAELIUS JUVENILIS – Episode III: Zeitreise der Aliens in die DDR und ihre ‚Bruderländer‘ (Performance)

Das Jugendgremium Schattenmuseum, ein Kollektiv, das an alternativen Ansätzen für Museen arbeitet, erforscht ebenfalls zusammen mit dem Künstler*innenkollektiv sideviews die Geschichte ehemaliger „Vertragsarbeiter*innen“ aus den Bruderländern der DDR. Vermittelt werden die Forschungsinhalte in einer interaktiven Performance, jedoch aus der Perspektive von Aliens.

Des Weiteren werden kreative Workshops angeboten, wie „Skulpturen in 2D“ mit Muriel Cornejo und dem chilenischen Künstler César Olhagaray. Dieser ist mit einigen seiner Werke in der Ausstellung vertreten. Teil des Vermittlungsangebotes sind auch die regelmäßigen Führungen durch die Ausstellung mit verschiedenen Schwerpunkten. Die Formate „Durch die Ausstellung mit…“ und „Kunstgespräche“ eröffnen neue Perspektiven auf die Ausstellungsgestaltung durch Führungen mit verschiedenen Akteur*innen des HKW-Teams. Zusätzlich führen im Format „Ich dachte, wir wären Freunde.“ Von Idealen und Realitäten im ‚Bruderland‘ DDR“ Zeitzeug*innen durch die Ausstellung und erzählen von ihren persönlichen Erfahrungen.

Echos der Öffentlichkeit

„Echos der Bruderländer“ überzeugt mit einem visuell ansprechenden Ausstellungsdesign und einer gelungenen Auswahl an aussagekräftigen Bildern und Kunstobjekten. Auch das vielfältige Begleitprogramm und die verschiedenen Vermittlungsformate zeichnen diese Ausstellung aus. Besonders ist ebenso die Bemühtheit, die verschiedenen Perspektiven zu zeigen. Sowohl die Freundschaft und Solidarität als auch die Grenzen dieser.

Die Ausstellung wurde jedoch nicht nur positiv aufgenommen. Kritik wurde zum einen darüber geäußert, dass vollständig auf Ausstellungstexte und anderweitige Beschriftungen verzichtet wurde. Die einzige Orientierung bietet das Handbuch, welches man zu Beginn der Ausstellung erhält und das im Eintrittspreis enthalten ist. Dieses ist leider recht unübersichtlich und es kostet Mühe, sich darin zurechtzufinden und die gesuchten Informationen zu erhalten. Insgesamt benötigt man als Besucher also viel Zeit, um sich die Ausstellung ausführlich anzuschauen und neues Wissen mitzunehmen. Zudem sind einige der Video- und Audioinstallationen der Ausstellung nur im Originalton und ohne Untertitel verfügbar. Viele der spannenden Beiträge von Zeitzeug*innen sind so für Besucher*innen unzugänglich.

Der Historiker und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich van der Heyden kritisiert die Ausstellung in einem Beitrag der Berliner Zeitung scharf. Er unterstellt der Ausstellung unter anderem, dass ein Narrativ aufgebaut wird, in dem die DDR sowie das heutige Ostdeutschland flächendeckend als rassistisch dargestellt wird. Zudem gibt er zu bedenken, dass die Amnesie bezüglich der Migrationsgeschichte der DDR nicht der Realität entspricht, da diese in der Forschung sehr wohl seit langem präsent sei. Seiner Meinung nach verbreitet die Ausstellung Fehlinformationen und schafft Verwirrung durch die zu oberflächliche Betrachtung von Sachverhalten.

Fazit

Mit „Echos der Bruderländer“ wird einem bedeutsamen Thema ein großer Raum im öffentlichen Diskurs gegeben. Die Migrationsgeschichte der DDR wird häufig noch ausgeblendet, auch in der historischen Bildung. Die Ausstellung leistet einen wichtigen Beitrag dazu diese Leerstelle zu überbrücken. Wenn man Zeit mitbringt und die spannenden Bildungsangebote in Anspruch nimmt, hat „Echos der Bruderländer“ das Potenzial, eine neue Perspektive auf die Geschichte der DDR zu vermitteln, auf eine sehr persönliche, authentische und künstlerische Art und Weise.

Quellen:
https://www.hkw.de/programme/echos-der-bruderlaender
https://www.hkw.de/programme/echos-der-bruderlaender/curatorial-statement
https://www.radioeins.de/programm/sendungen/der_schoene_morgen/art_aber_fair/-echos-der-bruderlaender--im-hdkw.html
https://www.berliner-zeitung.de/open-source/ddr-geschichte-mal-wieder-negativ-und-falsch-dargestellt-neue-ausstellung-im-hkw-berlin-li.2195483
Titelbild: Heinz-Karl Kummer, Solidarität (1978), Foto: Hannes Wiedemann/HKW