Die studentischen Mitarbeitenden der Berliner Geschäftsstelle von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. besuchten im August das Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding, um seine postkoloniale Geschichte zu erkunden. Wir nutzten dafür eine über das Internet nutzbare Multimedia-Karte (siehe Link am Ende des Artikels). In diesem Erfahrungsbericht halten wir unsere Eindrücke über die digitale Vermittlung der Geschichte vor Ort fest.

Deutscher Kolonialismus in Berlin?

Ortstermin in Berlin-Wedding, der Treffpunkt ist an der U-Bahnstation „Rehberge“ im Afrikanischen Viertel. An einem schwülwarmen Nachmittag – die Regenwolken haben sich gerade verzogen – fällt uns nach dem Treppensteigen am U-Bahn-Ausgang in der Otawistraße eine große Informationstafel ins Auge. Diese thematisiert die komplexe Geschichte des Viertels.

Karte von Berlin-Wedding. Das Afrikanische Viertel befindet sich in der Mitte. Foto: Wikimedia, Alexrk2  Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported.

Es ist die Rede vom deutschen Kolonialismus, von fortwährenden rassistischen Strukturen in der Bundesrepublik, von afrodeutscher Kultur. All dies hat einen Bezug zu diesem Ort. Wir wollen ihn uns mithilfe einer Internetseite, die Audio- und illustrierte Textbeiträge bereithält, auf eigene Faust erschließen.

Per Audioguide durch die Geschichte

Im ersten Audiobeitrag, nur ein paar Meter weiter in der Otawistraße, erklärt der Projektkoordinator Yonas Endrias das Ziel des Mulitmedia-Rundgangs. Das Afrikanische Viertel solle zu einem Lern- und Erinnerungsort des deutschen Kolonialismus sowie des Unabhängigkeitsbestrebens afrikanischer Staaten werden.

Das Viertel wurde im späten deutschen Kaiserreich erbaut. Seine Straßen und Plätze benannte man nach bestimmten Menschen und Orten: Sie sollten an den imperialen Willen der europäischen Großmächte erinnern, „den Platz an der Sonne“ zu ergattern. Mit einiger Neugier, dieses große Flächendenkmal zu erkunden, machen wir uns auf zur nächsten Station.

Der Weg führt uns weiter auf einem ruhigen Pfad mitten durch eine gepflegte Kleingartenanlage. Sie trägt den Namen „Dauer-Kleingartenverein Togo“ und führt zum Nachtigalplatz, benannt nach Gustav Nachtigal. Dieser gilt als Begründer der deutschen Kolonien in Afrika. Er war dort ab 1884 als Reichskommissar für „Deutsch-Westafrika“ (Kamerun, Togo) administrativ für die Besetzung von Flächen zuständig.

Die durch diese Kreuzung laufende Petersallee wurde ebenfalls nach einer führenden kolonialen Figur benannt, wie wir im Audiobeitrag erfahren. Carl Peters war 1885 der Begründer der Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ (im heutigen Tansania, Burundi und Ruanda).

Peters, auch als „Hängepeters“ oder in Tansania als „blutige Hand“ bezeichnet, misshandelte Menschen bevorzugt mit seiner Nilpferdpeitsche. Aufgrund seiner zahlreichen Verbrechen wurde er erst aus dem Amt als Staatsdiener entlassen, jedoch später von den Nationalsozialisten rehabilitiert.

In den 1980er Jahren wurde dann beschlossen, die nach ihm benannte Allee umzuwidmen. Man konnte sich jedoch nicht darauf einigen, Personen aus der afrikanischen Widerstandsbewegung als neue Namensgeber zu wählen. Aus diesem Grund wurde die Petersallee kurzerhand per Zusatzschild dem ehemaligen Berliner Stadtverordneten Hans Peters gewidmet.

Umkämpfte Straßennamen

Das Afrikanische Viertel ist ein Ort der Gegensätze. Diese nach „Männern der Kolonialisierung“ benannten Straßennamen sind politisch momentan höchst umkämpft. Anwohnende und konservative Parteien fordern die Beibehaltung oder die bereits beschriebene Umwidmung von Straßennamen. Aktivist:innen sind jedoch vehement dagegen. Sie fordern die Umbenennung zum Beispiel nach antikolonialen Widerständler:innen und Vorbildern aus der Schwarzen Community.

Die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte hat die Umbenennungen bereits 2017 beschlossen. Wegen der anhängiger Klagen sind aber immer noch die alten Bezeichnungen zu sehen, wenn sie nicht gerade von Aktivist:innen mit Farbe übermalt worden sind.

Übermalte Straßenschilder in Berlin-Wedding. Foto: Alina Schulenkorf

Weiter führt uns die Route durch ehemalige Sozialbauten in schlichter Zwischenkriegsarchitektur zur Swakopmunder Straße. Sie ist nach einer Küstenstadt in Namibia benannt, wie ein Textbeitrag verrät. Diese galt als wichtigster Hafen der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“.

In “Deutsch-Südwestafrika” errichteten die deutschen Kolonisatoren nach einem Aufstand der lokalen Bevölkerung gegen die Fremdherrschaft im Jahr 1904 eines der ersten „Konzentrationslager“. In den folgenden vier Jahren töteten die Kolonisatoren in einem Vernichtungskrieg circa 80 Prozent der Herero und 50 Prozent der Nama. Der Genozid gilt als der erste des 20. Jahrhunderts.

Die gegensätzlichen Eindrücke begleiten uns den ganzen Weg entlang. Während wir durch beschaulich-grüne Wohngegenden laufen, lauschen wir einem Audiobeitrag über einen Briefwechsel zwischen dem Nama-Vertreter Hendrik Witboi und dem Kolonialgouverneur von Deutsch-Südwestafrika, Theodor Leutwein, aus dem Jahre 1894. Darin droht der Kolonialvertreter unverhohlen dem mit dem Mute der Verzweiflung schreibenden Nama-Vertreter mit der militärischen Niederschlagung jedes Akts der Selbstbehauptung.

Als letzte Station hören wir uns in der Togostraße eine Vertonung des Gedichts „blues in schwarz weiß“ der afrodeutschen Dichterin May Ayim aus dem Jahr 1995. Hier wird eindrücklich der Bogen zu den immer noch aktuellen Trennungswelten der deutschen postkolonialen Gesellschaft geschlagen.

Lernen im Gehen

Die Zeit vergeht während des Rundgangs regelrecht im Flug. Wir sind bereits ob des Lesens und Lauschens der vielen Fakten und des Verarbeitens verschiedener historischer (Selbst-) Zeugnisse nach der Hälfte der 20 Stationen am Ende unserer Aufnahmefähigkeit.

Nach zweieinhalb Stunden ziehen wir am frühen Abend daher ein durchweg positives Fazit: Diese von der eigenständigen Erkundung der Geschichte vor Ort geprägte Art des Stadtrundgangs ist grundsätzlich sehr zu empfehlen. Zudem ist das Lernen im Gehen für viele sicherlich eine willkommene Abwechslung zu Veranstaltungen in Innenräumen.

Mit Forderung nach “Dekolonisierung” bemalter Schachtdeckel im Afrikanischen Viertel. Foto: Alina Schulenkorf

Zwar muss dabei die technische Komponente mit mobilem Endgerät, Kopfhörern und Datenvolumen bedacht werden, dann steht Geschichtsinteressierten jedoch nichts mehr im Wege. Dass keine konkrete Route vorgegeben wurde (wie bei vielen anderen Alternativen), gefiel uns besonders. So konnten uns einen eigenen Weg und thematische Schwerpunkte suchen.

Der Rundgang bietet somit die Möglichkeit, sich niedrigschwellig und ungezwungen über die bewegte Vergangenheit und Gegenwart des Afrikanischen Viertels zu informieren.

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Multimedia-Karte für das Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding

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