Die politische Theoretikerin Hannah Arendt befasste sich in ihren Werken mit Faschismus, Extremismus, Verfolgung und auch Migration. Als Jüdin zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland geboren, kam sie selbst mit dem Thema Flucht in Berührung. Hierzu verfasste Hannah Arendt einen Aufsatz: „Wir Flüchtlinge“. In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit seinen Inhalten und den Hintergründen, die zur Publikation führten.

Arendts Jugend

Johanna Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in einem Ort bei Hannover geboren, von wo sie bald mit ihren Eltern nach Königsberg zog. Ihr Vater verstarb früh, sodass Arendts Mutter das Mädchen allein aufzog. 

Die Familie gehörte zum liberalen, „assimilierten Judentum“. Hannah Arendt hielt in einem Interview mit dem Journalisten Günter Gaus später fest, dass die Religion in ihrem Elternhaus nie thematisiert worden sei. Zum ersten Mal sei sie mit ihrem Glauben durch Kinder auf der Straße konfrontiert worden. Sie beschrieb, dass sie sich irgendwie „anders“ gefühlt habe, habe das jedoch nie ihrer Religion zuordnen können. Das Judentum wurde erst später ein bewusster Teil ihrer Identität.

Studienjahre

Nachdem Hannah Arendt sich mit einem ihrer Lehrer überworfen hatte, verließ sie Königsberg zunächst ohne Schulabschluss. Sie zog nach Berlin, wo sie Vorlesungen besuchte, bis sie im Jahr 1924 als externer Prüfling das Abitur machte. Im Anschluss nahm sie ein Studium der Philosophie, Gräzistik und Theologie in Marburg auf, wo sie unter anderem Studentin von Martin Heidegger war.  Im weiteren Verlauf ihres Studiums zog es sie nach Freiburg im Breisgau und schließlich nach Heidelberg. 

Hier studierte Arendt bei Karl Jaspers, bei dem sie schließlich auch zum „Lebensbegriff bei Augustin“ promovierte. Es folgte eine Habilitation zu Rahel Varnhagen. Sie versuchte dabei,  sich dem Judentum wissenschaftlich anzunähern. Sie untersuchte die Lebensgeschichte Varnhagens vom Standpunkt einer „deutschen Jüdin aus der Romantik“.  

Arbeit im Untergrund

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 fühlte Arendt das Bedürfnis, sich politisch zu engagieren. Sie hatte sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr dem Zionismus zugewandt und unterstützte eine zionistische Organisation im Untergrund. 

Arendt stellte ihre Wohnung Geflüchteten zur Verfügung und dokumentierte die beginnende Verfolgung von Juden. Im Juli 1933 wurde sie durch die Gestapo für acht Tage inhaftiert. Nach ihrer Freilassung floh sie mit ihrer Mutter und ihrem ersten Ehemann nach Paris. 

Frankreich…

Dort arbeitete Hannah Arendt als Sozialarbeiterin für verschiedene jüdische Organisationen. Hier begann auch ihre Freundschaft zu Walter Benjamin, dessen Werke sie später postum veröffentlichte. In Frankreich geschah jedoch auch das, was sie in „Wir Flüchtlinge“ unter anderem anklagt. 1941 wird  sie als „feindliche Ausländerin“ im Lager Gurs festgesetzt. 

… und das Camp de Gurs

Das Camp de Gurs lag im Süden von Frankreich. Es beherbergte zunächst politische Flüchtlinge aus Spanien, die das Land aufgrund des Bürgerkrieges verlassen hatten. Später, besonders unter der Vichy-Regierung, wurde es auch zum Internierungslager für jüdische Personen. Ab August 1942 kam es auch zu Deportationen in die Vernichtungslager, wo die Gefangenen getötet wurden. Die französischen Behörden waren sich dieser Vorgänge bewusst.

„Wir Flüchtlinge“ (Originaltitel: „We Refugees“) entstand unter dem Eindruck ihrer vierwöchigen Internierung. Hannah Arendt gelang die Flucht von Gurs nach Lissabon und anschließend im Mai 1941 in die USA. Hier lebte sie mit ihrer Mutter und ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher. Sie lehrte an Universitäten und publizierte. Dennoch ließen sie ihre Empfindungen und Eindrücke dieser Zeit nicht los. 

„We Refugees“

Der Essay erschien 1943 in der jüdischen Zeitschrift „Menorah Journal“ und blieb vergleichsweise unbeachtet. Er befasst sich mit der Problematik von Identität und Migration und bezieht sich dabei auf die Erfahrungen jüdischer Geflüchteter. Zentral für Arendts Essay sind die Begriffe Optimismus und Verzweiflung,  Assimilation und Identität.

Optimismus und Verzweiflung 

Zunächst stehen sich Optimismus und Verzweiflung der Geflüchteten entgegen. Interessant ist dabei: Gerade die Optimisten seien nach Arendt gefährdet, Selbstmord zu begehen. Sie würden die schrecklichen Erfahrungen ihrer Vergangenheit überspielen. So bliebe eine Verarbeitung der Emotionen aus. Demgegenüber stünden diejenigen, die verzweifelt seien. Gerade in den Lagern, wo das Unglück am allergrößten sei, herrsche der größte Wille zu Überleben. Die Verzweifelten würden gewissermaßen zu Getriebenen. Dies sei, laut Arendt, notwendig, um „das Alte aufzuarbeiten“. 

Assimilation

Problematisch ist für Hannah Arendt auch die “Assimilation” der Geflüchteten. Dies macht sie am Beispiel des fiktiven Herrn Cohn aus Berlin deutlich. Cohn sei ein „150 prozentiger Deutscher, ein deutscher Superpatriot“. Mit seiner Vertreibung aus Deutschland beginne seine Odyssee: Flüchtet er nach Tschechien, würde er „tschechischer Patriot“. Trieben die Nazis ihn weiter nach Frankreich, versuche er alles, um ein „richtiger Franzose“ zu werden. 

Herr Cohn leide darunter, sich in jedem Land anpassen zu müssen. Es sei sein oberstes Ziel, sich den äußeren Umständen anzugleichen, anstatt sich auf sich selbst zu besinnen.  Auf diese Weise sei Cohn Arendt dazu gezwungen, ständig weiter zu wandern. 

Identität

Letztlich entscheidend sei es, die eigene Identität anzuerkennen. Hierzu zähle auch die Vergangenheit, die es zu bewältigen gelte. 150 Jahre des “assimilierten” Judentums hätten bewiesen, dass „obwohl die Juden die ganze Zeit ihre Nichtjüdischkeit unter Beweis stellten, […] dabei nur heraus [kam], dass sie trotzdem Juden blieben.“ Arendt hält eine vollständige Assimilation und eine Verneinung der eigenen Identität für falsch. Es sei das Grundübel des Daseins jüdischer Flüchtlinge.

Fazit 

Beeindruckt hat mich als Leserin wieder einmal die Präzision, mit der Hannah Arendt ihre Überlegungen entfaltet. „Wir Flüchtlinge“ bietet einen Einblick in das Thema jüdischer Vertreibung, Verfolgung und Flucht, der den Verlust in den Mittelpunkt stellt. Wie sollten Geflüchtete sich in einem fremden Land verhalten, woran sollten sie sich orientieren? Arendts Essay bietet eine schlichte Antwort:

„Die von einem Land ins andere vertriebenen Flüchtlinge repräsentieren die Avantgarde ihrer Völker – wenn sie ihre Identität aufrechterhalten.“

Arendt, Hannah: Wir Flüchtlinge. (1943)
Arendt, Hannah: Wir Flüchtlinge. 
Mit einem Essay von Thomas Meyer, Ditzingen 2016. 

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Über den Autor

Michèle W.

Michèle ist Studentin der Geschichtswissenschaften M.A. an der Humboldt-Universität Berlin und arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.

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